1. Adventsonntag 23

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Nimm dir Zeit, dieses Gedicht zu lesen….​

Gebet des Klosters am Rande der Stadt
von Silja Walter

            Jemand muss zuhause sein,
            Herr,
            wenn du kommst.
            Jemand
muss dich erwarten,
            oben auf dem Berg
            vor der Stadt.

            Jemand muss nach dir Ausschau halten
            Tag und Nacht.
            Wer weiß denn, wann du kommst?

            Jemand muss wachen
            unten an der Brücke,
            um deine Ankunft zu melden,
            Herr,
            du kommst ja doch in der Nacht
            wie ein Dieb.

            Wachen ist unser Dienst,
            wachen.
            Auch für die Welt.
            Sie ist so leichtsinnig,
            läuft draußen herum
            und nachts ist sie auch nicht
            zuhause.
            Denkt sie daran,
            dass du kommst?
            Dass du ihr Herr bist
            und sicher kommst?

            Herr,
            durch meine Zellentüre
            kommst du in die Welt
            und durch mein Herz
            zum Menschen.
            Was glaubst du, täten wir sonst?

            Wir bleiben, weil wir glauben.
            Zu glauben und zu bleiben
            sind wir da –
            draußen
            am Rande der Stadt.

            Herr,
            jemand muss dich aushalten,
            dich ertragen,
            ohne davonzulaufen.
            Deine Abwesenheit aushalten,
            ohne an deinem Kommen
            zu zweifeln.
            Dein Schweigen aushalten
            und trotzdem singen.
            Dein Leiden, deinen Tod mitaushalten
            und daraus leben.
            Das muss immer jemand tun
            mit allen anderen.
            Und für sie.

            Und jemand muss singen,
            Herr,
            wenn du kommst,
            das ist unser Dienst:
            Dich kommen sehen und singen.
            Weil du Gott bist.
            Weil du die großen Werke tust,
            die keiner wirkt als du.
            Und weil du herrlich bist
            und wunderbar wie keiner.

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